Wie Pol Pot Kambodscha zerstörte
EIN VIERTEL EINER GANZEN NATION. Das ist die Bilanz des Regimes der Roten Khmer unter Pol Pot zwischen 1975 und 1979. Von etwa acht Millionen Kambodschanern starben schätzungsweise 1,5 bis zwei Millionen Menschen, durch Hinrichtungen, Hunger, Krankheiten und Erschöpfung. Es war ein Genozid im Zeitraffer, begangen im Namen einer Utopie, die niemand außer ihrer Anführern wollte.
Wer Pol Pot war
Pol Pot wurde 1925 als Saloth Sar in einer Provinzfamilie im damaligen Französisch-Indochina geboren. Er studierte in Phnom Penh und ging Ende der 1940er Jahre nach Paris, wo er Radiologie studierte, hauptsächlich aber politischen Diskussionen und kommunistischen Studentengruppen nachging. Er kehrte mit einer Ideologie zurück, die er im Laufe der Jahre radikalisierte: ein agrarkommunistisches System, das die Stadt als Quelle der Korruption sah und die Bauernschaft als revolutionäre Klasse.
Er schaffte es durch interne Parteidisziplin und Rücksichtslosigkeit an die Spitze der Kommunistischen Partei Kambodschas, die intern Angkar, "die Organisation", hieß. Er hielt seinen wahren Namen jahrelang geheim. Seine Mitstreiter kannten ihn als "Bruder Nummer Eins".
Der Kontext: Vietnam, Amerika und Bomben
Das Kambodschaden der frühen 1970er Jahre war ein Kriegsschauplatz. Die USA bombardierten seit 1969 kambodschanisches Territorium, um nordvietnamesische Nachschublinien zu treffen. Diese Bombenfeldzüge töteten Zehntausende Zivilisten und destabilisierten das Land fundamental. Wenn man verstehen will, wie ein Regime wie das der Roten Khmer Macht gewinnen konnte, muss man diese Bomben einrechnen. Sie schafften Hass, Chaos und eine Bevölkerung, die für jede Kraft offen war, die Ordnung versprach.
1970 wurde der neutrale König Sihanouk durch einen proamerikanischen Coup gestürzt. Das machte die Roten Khmer als antiimperialistische Guerilla attraktiver. Sihanouk selbst rief im Exil zur Unterstützung der Roten Khmer auf, ohne zu wissen oder einzukalkulieren, was deren Sieg bedeuten würde.
Der 17. April 1975
Am 17. April 1975 marschierten die Roten Khmer in Phnom Penh ein. Die Hauptstadt war zu diesem Zeitpunkt überfüllt, weil Millionen von Flüchtlingen vom Land dort Zuflucht gesucht hatten. Was als Befreiung angekündigt wurde, begann innerhalb von Stunden als Alptraum.
Die Roten Khmer befahl die sofortige Evakuierung der gesamten Stadt. Krankenhäuser wurden geräumt. Patienten, die operiert wurden, wurden auf Betten auf die Straße geschoben. Betten auf Rädern rollten durch die Stadt, manche mit Infusionsschläuchen, die noch im Arm steckten. Die Bevölkerung, ungefähr zwei Millionen Menschen, wurde auf das Land getrieben. Wer Fragen stellte, riskierte sein Leben. Wer zu langsam war, wurde erschossen.
Das Regime des Jahres Null
Pol Pot und die Roten Khmer erklärten 1975 zum "Jahr Null". Die Geschichte begann neu. Alles, was davor war, war zu vergessen und zu zerstören. Geld wurde abgeschafft. Märkte wurden geschlossen. Schulen und Universitäten wurden aufgelöst. Bibliotheken wurden geplündert und Bücher verbrannt. Brillenträger wurden verfolgt, weil Brillen als Zeichen von Bildung galten, und Bildung war verdächtig.
Die Bevölkerung wurde in kollektiven Arbeitslagern auf dem Land zusammengefasst. Sie arbeiteten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang an Bewässerungsprojekten und Reisfeldern. Die Rationierung war so knapp, dass systematischer Hunger entstand. Wer Nahrung hamsterte, wurde hingerichtet. Wer sich beklagte, verschwand.
Tuol Sleng und die Vernichtungsmaschinerie
Im Zentrum von Phnom Penh betrieben die Roten Khmer ein Folterzentrum namens S-21 in einer ehemaligen Schule, heute bekannt als Tuol Sleng. Etwa 17.000 bis 20.000 Menschen wurden dort festgehalten, gefoltert und nach erzwungenen Geständnissen in das Vernichtungslager Choeung Ek gebracht, das als "Killing Field" bekannt wurde.
Die Protokolle von S-21 wurden von der Bürokratie akribisch geführt. Jeder Gefangene wurde fotografiert. Jedes Geständnis wurde aufgezeichnet. Die Geständnisse waren konstruiert: Menschen bekannten sich zu Spionage für die CIA, für Vietnam, für Thailand. Diese Geständnisse dienten weniger als Information denn als bürokratische Legitimation für die Tötung.
Von den Tausenden, die S-21 durchliefen, überlebten nachweislich sieben. Die Täter, viele von ihnen Teenager, führten ihre Arbeit mit einer Ruhe durch, die Überlebende als das Verstörendste beschreiben. Sie hatten nie etwas anderes gekannt.
Die Vernichtung der Cham und anderer Gruppen
Die Roten Khmer richteten ihre Gewalt nicht gleichmäßig. Bestimmte Gruppen wurden gezielt ausgerottet. Die Cham, eine muslimische Minderheit, wurden systematisch verfolgt. Ihre Moscheen wurden zerstört, ihre religiösen Praktiken verboten, ihre Gemeinschaften aufgelöst. Schätzungsweise die Hälfte der Cham-Bevölkerung überlebte das Regime nicht.
Vietnamesische Kambodschaner, Chinesen und andere ethnische Minderheiten wurden ebenfalls gezielt verfolgt. Ehemals städtische Bewohner, bekannt als "neue Menschen" im Gegensatz zu den "alten Menschen" vom Land, standen unter permanentem Verdacht und wurden bei jeder Gelegenheit eliminiert.
Das Ende des Regimes
Die Roten Khmer betrieben Grenzprovokationen gegen Vietnam, das nach dem Abzug der Amerikaner 1975 ein unabhängiges Land unter kommunistischer Führung war. Die Angriffe wurden intensiver. Im Dezember 1978 marschierte Vietnam in Kambodscha ein. Im Januar 1979 fiel Phnom Penh. Das Regime der Roten Khmer war nach weniger als vier Jahren vorbei.
Pol Pot floh in den Dschungel an der thailändischen Grenze. Die Roten Khmer führten eine Guerilla-Existenz weiter, unterstützt von Thailand, China und paradoxerweise vom Westen, weil man den vietnamesischen Einfluss in der Region eindämmen wollte. Der Sitz Kambodschas in den Vereinten Nationen blieb jahrelang in den Händen der Roten Khmer, obwohl diese für einen der schlimmsten Genozide des 20. Jahrhunderts verantwortlich waren.
Die Justiz und ihre Grenzen
Pol Pot starb 1998 in einer Hütte an der kambodschanisch-thailändischen Grenze, ohne je vor Gericht gestellt worden zu sein. Andere Führer der Roten Khmer wurden erst ab 2006 durch ein gemischtes Tribunal aus kambodschanischen und internationalen Richtern angeklagt. Die Verfahren zogen sich jahrzehntelang hin. Nuon Chea, "Bruder Nummer Zwei", wurde 2018 im Alter von 92 Jahren wegen Völkermords verurteilt. Er starb 2019 in Haft.
Die meisten Täter lebten jahrzehntelang unbehelligt in Kambodscha, manche in Positionen lokaler Macht. Die Gesellschaft musste einen Weg finden, mit Tätern zu leben, die Nachbarn, Verwandte oder Vorgesetzte waren. Dieser Prozess ist bis heute nicht abgeschlossen.
Was bleibt
Kambodscha trägt die Last dieser Jahre noch. Eine ganze Generation fehlt: Ärzte, Lehrer, Ingenieure, Künstler, die getötet wurden oder fliehen mussten. Der Wiederaufbau wurde durch eine jahrelange internationale Isolation erschwert, weil die geopolitischen Interessen des Kalten Krieges über die Interessen der kambodschanischen Bevölkerung gestellt wurden.
Pol Pot hat eine Frage hinterlassen, die über Kambodscha hinausgeht: Wie kann eine kleine Gruppe von Ideologen eine ganze Gesellschaft in ein Vernichtungsprojekt treiben? Die Antwort liegt nicht im Bösen einiger weniger, sondern in der Dynamik von Angst, Gehorsam, Ideologie und dem Schweigen derer, die hätten einschreiten können und es nicht taten.