Wie Stalin an die Macht kam: Manipulation, Paranoia und politisches Kalkul
Als Wladimir Lenin im Januar 1924 starb, war Josef Stalin in der Sowjetunion nicht der nachste in der Thronfolge. Trotzkij war popularer. Sinowjew war einflusser. Kamenew war starker vernetzt. Stalin war der Generalsekretar der Kommunistischen Partei, ein Verwaltungsposten, den die anderen fur wenig bedeutend hielten.
Innerhalb von funf Jahren hatte Stalin alle eliminiert, teils aus dem Land getrieben, teils ins Gefangnis geschickt, teils hingerichtet. Das war kein Zufall und keine uberwaltigende Personlichkeit allein. Es war methodische politische Arbeit, die seine Rivalen erst realisierten, als es zu spat war.
Die Herkunft: Ein Seminarsschuler aus Georgien
Ioseb Dschugaschwili, der spatere Stalin, wurde 1878 in Gori, Georgien, geboren, das damals Teil des Russischen Reiches war. Er wuchs in armlichen Verhaltnissen auf, Vater Schuhmacher, Mutter Wascherin. Die Mutter ermoglichte ihm ein Stipendium am orthodoxen Priesterseminar in Tiflis.
Im Seminar las er verbotene Literatur, wurde revolutionar und flog 1899 raus. Er schloss sich bolschewistischen Untergrundgruppen an, organisierte Raububerfalle zur Revolutionsfinanzierung, wurde mehrfach verhaftet und nach Sibirien verbannt, floh mehrfach. Das war das Handwerk, das er erwarb: Konspiration, Uberleben, Misstrauen.
Er tauschte seinen Namen fur das Pseudonym "Stalin", abgeleitet vom russischen Wort fur Stahl. Das war nicht zufallig. Es war eine Positionierung.
Der Aufstieg in der Partei vor 1917
Stalin war 1912, als Lenin ihn in das Zentralkomitee der Bolschewiki aufnahm, bereits ein bekannter Organisator im Untergrund. Er hatte logistische Fahigkeiten, die reine Theoretiker nicht hatten. Er konnte Netzwerke aufbauen, Ressourcen beschaffen, Operationen koordinieren.
In der revolutionaren Hierarchie der Bolschewiki galten Intellektuelle wie Trotzkij, Bucharin oder Sinowjew als die eigentlichen Schwergewichte. Stalin galt als Praktiker, nicht als Denker. Das war seine Tarnung. Er wurde nicht als Bedrohung wahrgenommen.
Nach der Oktoberrevolution 1917 wurde Stalin Volkskommissar fur Nationalitaten und spater fur die Staatskontrolle. Wichtiger: 1922 wurde er Generalsekretar der Partei. Dieser Posten kontrollierte die Personalpolitik der Partei. Wer in welche Position kommt, hing vom Generalsekretar ab.
Lenins Warnungen
Lenin selbst sah das Problem. In seinem politischen Testament von 1922-1923, also kurz vor seinem Tod, schrieb er: "Genosse Stalin hat, seitdem er Generalsekretar geworden ist, eine unermessliche Macht in seinen Handen konzentriert, und ich bin nicht uberzeugt, ob er immer in der Lage sein wird, diese Macht mit ausreichender Vorsicht zu gebrauchen."
Er empfahl in einem Nachtrag explizit, Stalin zu entfernen. Dieses Dokument wurde vom Politburo nach Lenins Tod unter Verschluss gehalten, Stalin zufolge aus Respekt vor Lenins Privatsphare. In Wirklichkeit halfen Sinowjew und Kamenew dabei, das Dokument zu unterdrucken, weil sie Trotzkij mehr fUrchteten als Stalin und Stalin brauchten, um Trotzkij zu bekampfen.
Das war ihr fataler Fehler.
Die Allianz gegen Trotzkij
Trotzkij war der gefahrlichste Rivale. Er hatte die Rote Armee aufgebaut, war eloquent, international bekannt und galt als Lenins naturlicher Nachfolger. Stalin, Sinowjew und Kamenew bildeten ein "Triumvirat" gegen ihn.
Die Vorwurfe gegen Trotzkij waren teils ideologisch (er sei kein echter Bolschewik, da er erst 1917 der Partei beigetreten war), teils taktisch (er wolle Diktaturen statt Parteikollegialitat). Stalin schurte diese Vorwurfe im Hintergrund, wahrend Sinowjew und Kamenew offentlich attackierten.
1925 war Trotzkij als Kriegskommissar abgesetzt. Seine Anhanger wurden aus Schlusselstellen verdrangt. Stalin besetzte diese Stellen mit eigenen Leuten, Loyalisten, die ihre Karriere ihm verdankten und deshalb ihm gegenuber treu blieben.
Dann wandte er sich gegen Sinowjew und Kamenew
Nachdem Trotzkij isoliert war, brauchte Stalin Sinowjew und Kamenew nicht mehr. Er bildete eine neue Allianz mit dem rechten Flugel der Partei, Bucharin, Rykow, Tomskij, und wandte sich gegen seine bisherigen Verbundeten.
Sinowjew und Kamenew erkannten das Muster und versuchten, sich mit Trotzkij zu verbunden, der "Vereinigte Opposition" von 1926. Zu spat. Die Parteiapparate, die Stalin uber Jahre geformt hatte, waren zu stark. 1927 wurden alle drei aus dem Zentralkomitee ausgeschlossen.
Trotzkij wurde 1929 aus der Sowjetunion verbannt. Er ging ins Exil, zunachst in die Turkei, dann nach Mexiko. 1940 wurde er in Mexiko-Stadt von einem stalinistischen Agenten mit einem Eispickel ermordet.
Bucharin und der rechte Flugel
Bucharin, mit dem Stalin gegen die linke Opposition zusammengearbeitet hatte, war der nachste. Bucharin wollte eine gemabigteren Sozialisierung, kein Zwangskollektivierung der Landwirtschaft im Sturmtempo. Stalin hatte eine andere Meinung und die Macht, sie durchzusetzen.
1928-1929 begann die Zwangskollektivierung. Bucharin und seine Verbundeten wurden als "rechte Abweichler" bezeichnet und aus ihren Stellen entfernt. Bucharin versuchte noch, sich zu unterwerfen und offentliche Selbstkritik zu uben. Es half nichts. 1938 wurde er im Groen Schauprozess hingerichtet.
Die Groen Sauberungen: Paranoia als System
Mit dem Groen Terror 1936-1938 erreichte Stalins Machtsicherung ihr blutiges Extrem. Was als Beseitigung politischer Rivalen begann, wurde zu einer Massenverfolgung, die durch die gesamte Gesellschaft fegte. Armeeoffiziere, Parteimitglieder, Ingenieure, Schriftsteller, einfache Bauern: Niemand war sicher.
Das NKWD, der Geheimdienst, hatte Quoten. Regionale NKWD-Chefs mussten eine bestimmte Anzahl von "Volksfeinden" verhaften und erschiefen. Das fuhrte dazu, dass Denunziationen aus reiner Eigeninteresse stattfanden: Wenn du jemanden anzeigst, bist du zumindest vorubergehend sicher. Wenn du es nicht tust, bist du selbst verdachtig.
Stalins engster Kreis war nicht sicher. Yezow, der Chef des NKWD und Hauptorganisator des Terrors, wurde 1938 selbst verhaftet und 1940 erschossen. Sein Nachfolger Berija uberlebte Stalin, wurde aber unmittelbar nach Stalins Tod 1953 verhaftet und erschossen.
Warum Stalin erfolgreich war, wo andere scheiterten
Was machte Stalin effektiver als seine Rivalen? Einige Faktoren stechen heraus.
Erstens Geduld. Stalin handelte selten ubersturzt. Er wartete, bis sein Gegenuber in einer schwachen Position war, bis die Allianz, die ihn schutzte, zerbrochen war. Das erforderte eiskaltes Kalkul uber Jahre.
Zweitens Kontrolle uber Personalpolitik. Als Generalsekretar entschied er uber Karrieren. Wer ihm treu war, stieg auf. Wer ihm unbequem war, wurde in unbedeutende Posten abgeschoben oder verschwand. Uber Jahre entstand ein Apparat aus Abhangigen.
Drittens das Ausnutzen von Rivalitaten. Er lieb andere fur ihn kampfen. Sinowjew und Kamenew kamen Trotzkij los. Er kam Sinowjew und Kamenew los. Er brauchte nie selbst die schmutzige Arbeit zu erledigen, zumindest nicht offentlich.
Viertens Ideologie als Waffe. Jeder Gegner konnte als "ideologischer Abweichler" bezeichnet werden. Das war machtiger als personliche Anschuldigungen, weil es in einem System, das sich auf ideologische Reinheit grindete, unhaltbar war.
Was bleibt
Stalin regierte die Sowjetunion bis zu seinem Tod 1953. In dieser Zeit industrialisierte die UdSSR in einem Tempo, das die westliche Welt erstaunte, zu einem Preis, den die sowjetische Bevolkerung zahlte: Millionen Tote durch Hungersnot, Gulag, politische Erschieungen. Die Schatzungen variieren, aber es geht um acht bis zwanzig Millionen Menschen, je nach Zahlung und Methode.
Stalins Geschichte zeigt, dass politischer Extremismus keine Voraussetzung braucht. Er braucht eine schwache politische Kultur, rivalisierende Fraktionen, die sich gegenseitig benutzen statt zu kontrollieren, und einen Akteur, der geduldig genug ist, alle anderen auszuspielen.
Es ist keine Geschichte uber einen boesen Genius. Es ist eine Geschichte uber das Versagen eines Systems, sich selbst zu schutzen.