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Nordische Mythologie ist mehr als Krieger und Hammer
Wer durch Marvel-Filme oder Videospiele zur nordischen Mythologie kommt, trifft auf eine stark vereinfachte Version. Der echte Thor der Edda ist kein glattrasierter Superheld, sondern ein raufseliger, etwas einfältiger Gott, der trotzdem unverzichtbar ist, weil er die Welt gegen die Riesen verteidigt. Odin ist kein weiser Vaterfigur, er ist ein manipulativer Zauberer, der einen Auge und neun Tage an einem Baum gehängt hat, um das Wissen der Runen zu erlangen. Und Loki ist keine eindimensionale Bösewicht-Figur, sondern der komplexeste Charakter der gesamten nordischen Mythologie. Die besten Bücher über nordische Mythologie zeigen diese Vielschichtigkeit, ohne sie zu glätten.
Die Primärquellen: Was wir wirklich wissen
Nahezu alles, was wir über nordische Mythologie wissen, stammt aus zwei isländischen Quellen des 13. Jahrhunderts: der Prosa-Edda von Snorri Sturluson und der Lied-Edda, einer Sammlung poetischer Texte. Beide entstanden Jahrhunderte nach der Christianisierung Skandinaviens. Das bedeutet, dass die Texte christlich gefärbt sind und dass wir nie wissen können, wie sehr sich die schriftliche Version von der mündlichen Tradition unterscheidet. Snorri Sturlusons Prosa-Edda liegt in einer guten deutschen Übersetzung von Arthur Häny vor. Die Lieder-Edda ist in der Übersetzung von Felix Genzmer als Reclam-Ausgabe für wenige Euro erhältlich. Wer die Mythologie ernsthaft verstehen will, liest zuerst die Primärquellen, dann die Kommentare.
Die beste moderne Einführung
- Mythen des Nordens von Neil Gaiman (im Original Norse Mythology) – Gaiman erzählt die zentralen Mythen als zusammenhängende Erzählungen, vom Beginn der Welt bis zu Ragnarök. Er bleibt nah an den Eddas, ohne sie wortgetreu zu übersetzen. Das Buch ist die beste Antwort auf die Frage, wie man in zwei Stunden das Wichtigste über nordische Mythologie lernt. Auf Deutsch bei Eichborn erschienen.
- Die nordische Mythologie von John Lindow – Lindow ist Professor für skandinavische Folklore an der University of California. Sein Buch ist ein Lexikon der Figuren, Orte und Konzepte der nordischen Mythologie, alphabetisch geordnet, mit quellenbasierter Analyse hinter jedem Eintrag. Das Gegenstück zu Gaimans erzählerischem Ansatz.
Odin: Der Gott, der alles weiß und trotzdem verliert
Odin ist die faszinierendste Figur der nordischen Mythologie, weil er weiß, dass Ragnarök kommen wird, und trotzdem alles tut, um die Welt zu erhalten, die er kennt. John McKinnells Meeting the Other in Norse Myth and Legend analysiert Odins Reisen in die Unterwelt und seinen Umgang mit den Toten als das Herzstück einer Mythologie, die sich intensiv mit dem Wissen über den Tod beschäftigt. Für eine tiefere Odin-Biografie ist Rudolf Simeks Arbeit in seinem Lexikon der germanischen Mythologie der beste deutschsprachige Ausgangspunkt.
Loki: Der Trickster, den keine Kategorie fasst
Loki ist der meistdiskutierte Charakter in der akademischen Mythenforschung, weil er nicht eindeutig böse ist, bevor Balders Tod sein Verhältnis zu den Göttern zerstört. Er ist der Vater der Midgardschlange, des Fenriswolfs und der Totenherrin Hel, und trotzdem ist er es, der dem Hammer Mjölnir, dem Schiff Skidbladnir und Odins Speer Gungnir ihre Entstehung verschafft. Anatoly Liebermanns What Is Loki? ist das kompakteste wissenschaftliche Werk, das die widersprüchlichen Theorien über Lokis Ursprung zusammenfasst. Kevin Crossley-Hollands Nordische Sagen gibt ihm den besten erzählerischen Raum.
Kosmologie: Yggdrasil, die neun Welten und Ragnarök
Die nordische Kosmologie ist eines der ausgefeiltesten Weltbilder der vorchristlichen Religionen. Die Weltenesche Yggdrasil verbindet neun Welten, von Asgard bis Niflheim, und drei Wurzeln, die aus drei Quellen getränkt werden. Am Ende warten Ragnarök, der Untergang der Götter, und eine neue Welt danach. Carolyne Larringtons The Norse Myths: A Guide to the Gods and Heroes ist die beste englischsprachige Einführung in die Kosmologie. Auf Deutsch ist Jan de Vrys Altgermanische Religionsgeschichte das wissenschaftliche Standardwerk, allerdings für Leser mit Vorwissen konzipiert.
Welches Buch zuerst
Lies Gaimans Nacherzählung, um die Geschichten zu kennen. Lies dann die Lied-Edda in der Genzmer-Übersetzung, um die Originalquellen zu sehen. Füge Lindows Lexikon als Nachschlagewerk hinzu. Das gibt dir in drei Büchern und rund 700 Seiten einen soliden Überblick über das gesamte nordische Pantheon. Wenn dich danach die historische Frage interessiert, wie die Wikinger wirklich lebten und glaubten, findest du bei Skriuwer auch die englischsprachige Liste der besten Mythologie-Bücher für Erwachsene.